Zwischenstopp Corona
- weglaufen zwecklos

Vor etwas mehr als einer Woche habe ich an Sponsoren, Partner und Freunden einen Newsletter mit einem Update verschickt. Unter anderem mit meinen nächsten Stationen: Trainingslager in Fuerteventura, Triathlon Cannes und 70.3 Ironman in Aix en Provence. Ein Tag später wurde mein Trainingslager gestrichen, zwei Tage später der Triathlon in Cannes abgesagt. Mein schöner, aktueller Newsletter, ist also inzwischen alles andere als „aktuell“…

… das ist zwar ein wirklich kleines Problem, aber es zeigt, wie wenig planbar die momentane Situation ist. Vor allem für uns Sportler. 

Ich möchte ehrlich zu euch sein, mir hat es den Boden unter den Füßen weggezogen. Mir ist klar, dass ich nicht die einzige bin, deren Situation sich verändert hat und es viele Menschen gibt, die sich (im Gegensatz zu mir) um ihr Leben sorgen. Natürlich ist mir auch bewusst, dass sämtliche getroffene Maßnahmen richtig und notwendig sind und dass der Sport in dieser Situation für das Allgemeinwohl keine Rolle spielt. 

Aber für mich spielt der Sport eine Rolle: das Training bestimmt meinen Tagesablauf. Wie ein kleines Unternehmen, habe auch ich einen Plan, eine Struktur, die ich versuche konsequent umzusetzen, um meinem Ziel jeden Tag einen Mini-Schritt näher zu kommen. Der Prozess macht mir Spaß, es motiviert mich zu sehen, wie ich auf meinem Weg weiterkomme. Manchmal gibt es Umwege, das kennt ihr sicherlich auch, bei mir zum Beispiel in Form von Verletzungen, Erkältungen usw… Trotz dieser Umwege ändert sich das Ziel nicht. 

Um mein Problem nachvollziehen zu können, ist es vielleicht gut euch zu erklären, was ich als „Ziel“ sehe. Mein Ziel ist es nicht dieses Jahr Hawaii zu gewinnen oder 70.3 Weltmeisterin zu werden, denn davon bin ich einfach noch zu weit weg, das fällt in die Kategorie „Traum“. Ziele müssen für mich realistisch und greifbar sein. Nach einer Verletzung ist beispielsweise mein Ziel, fit und gesund an der Startlinie eines konkreten Rennens zu stehen. In meinen ersten Rennen dieses Jahr war es mein Ziel, aus den 4. Plätzen vom letzten Jahr Podiumsplätze zu machen. Dafür habe ich viel trainiert, war in insgesamt drei Trainingslagern und war optimistisch, dass ich eine gute Ausgangslage habe, um dieses Ziel zu erreichen. Wie ihr vielleicht spürt, sind meine Ziele fast ausschließlich mit Wettkämpfen verknüpft. Aus den Rennen ziehe ich einen großen Teil meiner Motivation, jeden Tag 2-3 mal konsequent zu trainieren.   

Natürlich macht mir das Training auch Spaß, es ist wirklich schön bei dem warmen und sonnigen Wetter draußen Radfahren zu gehen. Aber wie bei allen Dingen, die man sehr häufig macht, verblasst die Motivation, etwas nur aus Spaß zu machen, irgendwann etwas. Ich bewege mich gerne draußen, aber ich springe nicht jeden Tag drei mal voller Vorfreude auf, um trainieren zu gehen. 

Mit jedem Tag und mit jeder neuen (oft schlechten) Nachricht schwindet meine Hoffnung, in diesem Jahr noch irgendwo ein Rennen bestreiten zu können. Die Frage „wozu“ ist mein ständiger Begleiter im Training, es hat sich wie ein Floh in meinem Ohr verankert und flüstert mir Dinge zu, die mich immer wieder zweifeln lassen. Ich merke, wie abhängig ich vom Sport bin, wie viel Struktur und Lebensqualität mir das tägliche Training und das Verfolgen eines Ziels bringt. Und wie leer ich mich fühle, wenn ich kein Ziel habe. 

Inzwischen habe ich erkannt, dass auch ich keinen Bogen um Corona machen kann, dass ich nicht weglaufen kann und deshalb eingesehen, dass ich meine Strategie ändern muss.  Ich muss für mich neue Ziele finden, vielleicht abseits vom Sport, vielleicht auch nur abseits vom Renngeschehen. Wie genau diese Ziele aussehen können, ob es bestimmte VO2max Werte sind, die versuche zu erreichen, endlich mal französisch zu lernen oder ob ich eine Jahreskilometerzahl auf dem Rad anstrebe, weiß ich noch nicht. 

Es ist ein erster, wichtiger Schritt: Die Erkenntnis, dass meine ursprünglichen Ziele verschoben werden müssen, ich diesen genug hinterhergetrauert habe und die neue Aufgabe nun heißt: Ein Ziel für 2020 zu finden, für das es sich lohnt morgens optimistisch aufzustehen und bei dem ich abends zufrieden einschlafe, wenn ich diesem ein Stückchen näher gekommen bin. 

Euch wünsche ich, dass ihr gut und vor allem gesund durch diese Zeit kommt. Bitte bleibt daheim und helft mit, dass Corona nur ein Zwischenstopp sein wird. Passt auf euch und eure Lieben auf!

Eure Anne

Wer meinen nächsten (und hoffentlich aktuelleren) Newsletter erhalten möchte, kann mir einfach eine Nachricht schreiben. 

 

Schöne Erinnerungen an das HOKA Team Wochenende in Mallorca Anfang März (Bilder: James Poole)